WIE  KLINGEN  UNSERE  STÄDTE?

Medienprojekt der 7b mit Frau Rother

30.05.2018

FRIEDRICHSTADT/TÖNNING Wie klingt unsere Stadt – für uns und für Blinde? Mehr noch: Klingt sie womöglich völlig anders als andere Orte an der Westküste? Diese Fragestellungen bildeten den Ausgangspunkt eines außergewöhnlichen Inklusions-Projektes, das mit Landesmitteln gefördert wird. Der Startschuss für das auf zwei Jahre angelegte „StadtKlang“-Projekt war 2016 in den Kreisen Steinburg (Itzehoe) und Dithmarschen (Meldorf) gefallen, das Finale gab es nun in Nordfriesland, an der Eider-Treene-Schule (ETS) in Tönning und Friedrichstadt. Damit ist er fertig, der angestrebte „Dreiklang der Westküste“, bei dem es um die Geräusche, Klänge und Rhythmen geht, die einem im täglichen Leben umgeben.

Bei Abschlussveranstaltungen am 5. Juli in Friedrichstadt und am 6. Juli in Tönning soll das fertige Produkt vorgestellt werden – eine rund 70-seitige Broschüre mit eingelegter CD aller Klänge. Dabei soll es eine Auszeichnung für überragende Leistungen geben.

Begleitet von sehbehinderten und blinden Menschen waren 40 Siebtklässler der Eider-Treene-Schule (ETS) im Vorfeld durch Tönning gestreift – mit dem Ziel, ihre Städte einmal nicht so sehr mit den Augen zu sehen, sondern durch bewusstes Hinhören zu erkunden und mit Hilfe von Aufnahmegeräten des Offenen Kanals Westküste in Heide aufzuzeichnen. „Wir sehen die Stadt mit unseren Ohren“, so das Motto. Die während dieser mehrstündigen Exkursionen eingefangenen Geräusche wurden später in der Schule mit einem speziellen Programm geschnitten, bearbeitet und dann das Beste auf CD gebrannt.

„Ihr sollt Euch mit den Ohren orientieren und aus dem Lärmbrei die unauffälligen Details herausfiltern“, so stimmte die Stadtsoziologin Ingrid Ebinal vom Dithmarscher Projektpartner „K9 Koordination für regionale Kultur“ die Schüler mental auf Exkursionen ein. Begleitet von K9-Fachleuten zogen sie in kleinen Gruppen durch die Städte. Ihre Ziele hatten sie sich zuvor ebenso selbst ausgesucht wie die Geräusche, die sie aufzeichnen wollten: Wasser, Regen, Wind, Vögel und andere Tiere, so geräuschvolle Akteure wie Polizei, Feuerwehr und Notaufnahme, aber auch die Alltagsgeräusche beim Zahnarzt, im Dönerladen oder im Supermarkt und am Hafen. Hinzu kam der „stille“ Lärm – im Wald, auf dem Friedhof, in der Bücherei und in der Kirche.

Unterwegs überraschten die nicht-sehenden Begleiter die Schüler mit Details, die ihnen selbst so nie aufgefallen wären. So erkannte Hela Michalski aus Koldenbüttel nur an einem minimal veränderten Klang, ob die Gruppe gerade an einem Häuserblock oder an einem Torbogen vorbeiging, während Regina Thoms-Zander aus St. Peter-Ording durch das Geräusch unter den Füßen wusste, dass Brücken überquert wurden. Im Schlossgarten konnte sie aus dem munteren Gezwitscher hoch oben in den Bäumen sofort die verschiedenen Vogelarten heraushören und wusste so auch stets genau, ob gerade Krähen über den Köpfen kreisten oder Möwen über dem Hafenbecken. „Wenn der Sehsinn ausgeschaltet ist, sensibilisiert sich das Gehör“, erklärte sie den Schülern.

Auf Auri, Florian, Mathis, Verona und Vilius, die von ihrem Betreuer Daniel mit einem hoch empfindlichen Mikrofon samt Aufnahmegerät ausgestattet wurden, warteten am Marktplatz zwei besonders schöne Momente: Zuerst bekamen sie den wertvollen Tipp, um halb zwölf wiederzukommen, um das kleine Glockenspiel im Giebel der Apotheke aufnehmen zu können. Und als sie nebenan in der Bäckerei gerade dabei waren, den schrillen Klang der Brotschneidemaschine zu speichern, stolperte plötzlich eine Kindergartengruppe herein, die ein fröhliches Lied schmetterte, während draußen ein Lkw über das Kopfsteinpflaster rumpelte und die Kirchenglocken zu läuten anfingen.

Zum Abschluss wurden die Originalgeräusche von Schülern am Computer bearbeitet. Mit dabei: Medienpädagoge Ben Beuer vom Offenen Kanal Westküste sowie Film- und Musikproduzent Dirk Bertram aus Hemme in Dithmarschen, der die Geräusche noch einmal in seinen Janeway-Studios mastert und davon die CD herstellt. Zum Abschluss hieß es unisono: „Es hat richtig Spaß gemacht.“ Nun sind natürlich alle gespannt aufs Ergebnis . . .

„Der Dreiklang an der Westküste ist gelungen“, freut sich Ingrid Ebinal, die das Projekt gemeinsam mit Thomas Engel in Steinburg, Dithmarschen und Nordfriesland verwirklicht hat. „Wir haben das Konzept 2015 entworfen, unser Verein ’K 9 Koordination für regionale Kultur‘ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die regionale Kultur zu vernetzen“, so Ebinal. „Unser pädagogischer Ansatz ist, dass junge Leute moderne Medientechnik kreativ nutzen.“ ssl/hem